Story

 

Dunkler Nebel. Strauss’ „Morgen!“. Langsam wird es etwas heller. Schemenhaft zwei Füße an einer Kante. „Wenn Deine Welt sich in Nebel auflöst, geht jeder Schritt ins Ungewisse. Bordstein oder Abgrund – Du weißt es immer erst hinterher.“ Die Kamera zoomt heraus und wechselt die Perspektive: ADRIAN BLACK steht im prallen Sonnenlicht auf der Staumauer der Grande Dixence. Er breitet die Arme aus. Die Kamera fliegt. Fade out.

Sechs Monate vorher. Houston. Adrian auf dem Höhepunkt seiner jungen, steilen Karriere. Auf riesiger Bühne, umringt von Chor und Statisten gibt er machohaft den Stierkämpfer Escamillo. Sein Blick ins Publikum verwischt im gleißenden Licht der Scheinwerfer. Aus Adrians Perspektive ist das Zentrum des Bildes irritierend unscharf. Der Dirigent ist nicht zu erkennen, ein Tempoübergang wackelt bedenklich. Auf der Premierenfeier vertraut Adrian sich seinem Studienfreund und alten Konkurrenten ROBERT HARTNER an: „In einem Jahr bin ich blind!“

Hartner ist im Kern ein Künstler, aber gegen Adrians Perfektion hatte er nie eine Chance. Verbittert von Adrians Demütigungen gab er seine Gesangskarriere auf und arbeitete sich hoch zum einflussreichsten Kritiker in der internationalen Opernszene. Zum Schein blieb er Adrians Freund. Jetzt ergreift er die Gelegenheit zur Rache.

Hartner schreibt eine vernichtende Kritik. Er zerrt Adrians Augenleiden in die Öffentlichkeit und macht ihn lächerlich als hilflos über die Bühne stolpernden Behinderten. Sämtliche Medien folgen der von ihm vorgegebenen Linie.

Im Auto liest Adrian seine Kündigung: „Ihre Beeinträchtigung, von der Sie uns nicht unterrichtet haben, ist offensichtlich. So sehen wir uns außerstande … “. Er zerknüllt das Papier und wirft es auf den Beifahrersitz. Dort liegen bereits mehrere Briefe.

Es ist Nacht. Regen peitscht gegen die Scheibe. Adrian startet den Motor. Mit einem heiseren Bellen erwacht der Sportwagen. Mussorgskys „Baba Yaga“. Adrian rast los. Durch die Stadt, auf den Highway. Eine Baugrube auf der rechten Spur, aus Adrians Perspektive fast nicht zu erkennen. Darin zwei Arbeiter. Vor der Grube zieht ein Lastwagen nach links. Adrian beschleunigt voll und überholt rechts. Mit einem Knall durchbricht er die Absperrung und fliegt über die Grube. Der Bolide schleudert, aber Adrian bringt ihn zum Stehen. Die Arbeiter blicken entgeistert aus ihrer Grube. Adrian streicht über den Kotflügel und geht langsam weg.

Wochen später. Adrians Vater ROOSTER sucht ihn in seinem Apartment. Seit dem Unfall hat Adrian die Wohnung nicht mehr verlassen. Die Jalousien sind unten, das Handy ausgeschaltet. Fastfood-Kartons, leere Flaschen, schmutzige Wäsche. Der Fernseher läuft. Rooster gibt Adrian seine Kreditkarte: „Du hast doch noch die Einladung zum Meisterkurs bei Poiret in Paris. Geh hin! Schau Dir Europa an. Du brauchst Erinnerungen!“

„Das ist es. Europa… ein paar hundert Opernhäuser. Es kann nicht sein, dass Hartners Einfluss so weit reicht!“

Paris. Der berühmte Lehrer POIRET ist an Adrian scheinbar nicht interessiert. Er will keine Bravour-Arie hören, sondern arbeitet mit ihm ein kleines, intimes Schumann-Lied. Dabei provoziert er Adrian und führt ihn weit über seine emotionalen Grenzen. „Es interessiert mich nicht, wie laut deine Stimme ist, wenn du nichts zu erzählen hast. Entwickle deine Sensibilität für Andere. Dazu brauchst du keine Augen. Fang an, zuzuhören. Fang an, zu unterrichten!“

Paris, Strasbourg, Florenz… Verzweifelt sucht Adrian den Kontakt zu Agenten und Opernhäusern, doch er erhält nur Absagen. Alle haben Hartners Kritik gelesen.

Auf seiner Reise saugt Adrian das Alte Europa in sich auf. Doch die Schönheit verblasst, die Bilder werden unscharf. Nur die Musik blüht in tausend Farben.

Venedig. Adrians letzter Sonnenuntergang. Er sitzt die ganze Nacht am Pier. Träumt von PATER BRUCE. Der ließ ihn als kleinen Jungen, als den einzigen Weissen in seiner schwarzen Gemeinde im Gottesdienst das Solo singen. Danach schenkte er ihm ein Amulett. „Du hast die Gabe, durch Deinen Gesang die Seele zu berühren. Vertrau ihr!“

Die Wärme der Morgensonne weckt ihn. Adrian ist jetzt blind. Seine Hand tastet das Amulett. Spiritual: „My Lord, what a morning“.

Staumauer der Grande Dixence. Adrian breitet die Arme aus. Von hinten ruft jemand seinen Namen. ISABELLA, eine Studentin des Meisterkurses von Poiret: „Ich bin dir durch halb Europa hinterhergereist. Poiret sagt, nur Du kannst mich zur Sängerin machen. Du musst mich unterrichten!“

Als Lehrer entwickelt Adrian eine fast übersinnliche Sensibilität. Er kann die körperlichen und seelischen Spannungen eines Menschen in dessen Stimme hören. Mit seiner Hilfe macht Isabella Karriere. Beim Unterricht kommen sich die beiden sehr nahe, doch Adrian zieht sich zurück.

Ein Engagement in New York ist der endgültige Durchbruch für Isabella. Um sie zu unterstützen, reist Adrian mit. „Zufällig“ ist auch Poiret vor Ort. Er trifft sich mit dem Dirigenten vor dem Raum, in dem Adrian gerade Isabella unterrichtet. Als der Dirigent Adrian durch die Türe singen hört, stürmt er ins Zimmer, bittet ihn die Phrase zu wiederholen und engagiert ihn für die Premiere.

Die Proben sind ein Desaster. Adrian läuft gegen Kulissen. Singt in die falsche Richtung. Will aufgeben. Isabella erinnert ihn an das, was er sie gelehrt hat. Emotion. Etwas erzählen. Menschen berühren.

Vor der Premiere kommt Hartner in Adrians Garderobe und kündigt an, von der Premiere live zu berichten. „Deine Kunst war immer Perfektion. Jetzt bist du blind. Man bemitleidet dich. Morgen ist alles vorbei.“

Als Rigoletto muss Adrian in seiner großen Arie diagonal über die ganze Bühne gehen.

Der Kollege, der ursprünglich den Rigoletto singen sollte, kickt ein Requisit in Adrians Weg. Adrian stürzt.

Der Dirigent unterbricht die Vorstellung.

Mit leisem Klirren fällt das Amulett zu Boden. Adrian hört die Stimme von Pater Bruce: „Vertrau ihr!“

Blutend und am Boden singt Adrian. Ohne Orchester beginnt er mit „Pietà Signori“. Niemand kann sich seiner Stimme entziehen. Einer nach dem anderen setzen die Musiker des Orchesters ein. Als er endet, bricht der Jubel los.

Noch während des Applauses schreibt Hartner seine Kritik. Sie beginnt mit den Worten:

„Die Geburtsstunde eines Künstlers“.

© Fabian Dobler 2017

zurück