Die Geschichte

von Douglas Yates

Es ist Abend,

ich habe ein wunderschönes Windlicht gekauft, das strahlt Wärme aus … es ist dunkel, ich sitze in meiner Küche und trinke Rum mit heißem Wasser und Rohrzucker … es ist ganz schön warm, und es könnte sein, dass ich langsam lustig werde…

…ok,….ich bin sehbehindert! Das Leben als Sänger, als Opernsänger ist schon schwierig genug ­ soviel hängt vom Glück und vom Schicksal ab … aber als Sehbehinderter wird es immer nur schwer und schwerer.

… bis Ende 20 konnte ich sehen und, so lang ich denken kann, habe ich immer gesungen. Vom Kindergarten bis zum 5ten Schuljahr war ich Knabensopran. Ich habe jedes Solo gekriegt. Im 6ten Schuljahr begann ich, Cello zu spielen. In der Highschool -­ das ist das 9. bis 12. Schuljahr – ­wollte ich wieder in den Chor, habe vorgesungen, aber der Chorleiter meinte, ich solle lieber beim Cello bleiben! ­ natürlich war ich sehr enttäuscht und habe daraufhin für 2 Jahre keinen Ton gesungen … aber dann, weitere 2 Jahre später – ich studierte Cello und Psychologie an der Baylor University, da gab es im Keller unzählige Überäume – ging ich in einen dieser Räume, spielte am Klavier ein paar Spirituals und sang dazu … nach ca 20 Minuten kam eine süße, kleine, freche Sopranistin durch die Tür und fragte mich:

„Wer bist denn Du, bei wem studierst Du Gesang?“

Ich entschuldigte mich dafür, das Probezimmer belegt zu haben, meinte, ich wäre Medizinstudent und würde auch ein wenig Cello spielen, deshalb wäre ich hier im Keller.

“Aber Du singst doch auch?“

„Jaaa, schon“

„Und warum studierst Du nicht?“

„Ja, well…weil ich kein Sänger bin“

„DOCH, morgen habe ich Stunde bei meiner Lehrerin, Prof. Dr. Farwell, und Du musst unbedingt vorbeikommen und was vorsingen!!!“

Sie war blond, Sopranistin – natürlich bin ich hin und habe vorgesungen.

Ich sang den Spiritual I walk with God. Die Professorin ging während meines Vortrags zum Fenster, guckte durch die Vorhänge. Ich war überzeugt, sie langweilt sich gerade zu Tode. Als ich fertig war, drehte sie sich um und hatte Tränen in den Augen:

„Weißt Du, wie gut Du bist? … nein? … Vielleicht ist es besser so. Lass uns einfach arbeiten!“

6 Monate später war ich der jüngste Finalist beim Metropolitan Opera Award.

Mit Gesang war es immer so, egal wo und was ich tat, es war immer leicht. Ich machte verschiedene Diplome, gewann große Wettbewerbe, bekam Engagements an große Bühnen, die Presse schrieb über „the new American Baritone“.

Anfang 20, ich machte gerade meinen Master an der Rice-University. Diesen Tag werde ich nie vergessen: ich saß zu Hause in meinem Kuschelsessel über Büchern und studierte Theorie. Ich musste ein Bartok-Streichquartett analysieren. ­Viele winzige Noten in einer Taschenpartitur. Plötzlich bemerkte ich in meinem linken Auge, genau in der Mitte einen unscharfen Punkt – ein kleines Loch, so groß wie ein einzelne Note dieser Partitur.

Sechs Wochen später war die Sehkraft meines Auges von 115% auf 80% runter.

Nach 2 Jahren fing das rechte Auge an, mein linkes war da schon runter auf 50%.

In den ersten 4 Jahren meiner Krankheit suchte ich Hilfe bei ungefähr 25 verschieden Augenärzten. Ich lernte jeden namhaften Netzhautspezialisten der USA kennen, jeder machte die gleichen Tests ­ keiner konnte mir helfen.

Es gibt Momente, die brennen sich ins Gedächtnis…

Mit 27 sehe ich mich auf einem Sofa sitzen im Flur eines Krankenhauses, drei Ärzte kommen um die Ecke, der eine mein Augenarzt, die anderen kenne ich nicht, sie tragen dicke Akten und sehen sehr ernst aus. Sie kommen zu mir, ich stehe auf und sie sagen mir:

„Was Du hast, können wir nicht behandeln und in ungefähr einem Jahr wirst Du blind sein!“

Einfach so, auf dem Flur, im Stehen.

Meine Eltern gaben mir Geld, damit ich Europa sehen könnte, um all das in mich aufzunehmen, was ein Künstler gesehen haben muss – vor allem, wenn er bald erblinden wird. Wenn man Goethe oder Eichendorff, Heine, Verlaine oder Baudelaire liest, findet man Bilder und Worte von wunderbarer Kraft, die man als Amerikaner nur schwer versteht. In Texas haben wir Berge, Wüsten Wälder und Meer … und Hitze … aber die Lorelei, ein Kuckuck im Schwarzwald, der Kölner Dom…oder Südfrankreich, des abends trunken vom Duft der Felder … all das kann man sich vielleicht in wilder Fantasie ausmalen, es erlebt zu haben ist jedoch etwas völlig anderes.

Damals sah ich noch genug, um alleine reisen zu können. Ich brauchte niemanden, noch war ich frei. Meine Erlebnisse, die Menschen, Bilder, Kunst, Gerüche, Geräusche nahm ich mit nach Hause … und dann beendete ich meine Ausbildung.

Ich informierte mich über die Technologie, die einem Sehbehinderten das Leben erleichtert, beschaffte mir das nötige, und brachte meine Arbeit zu Ende.

Dann zog ich nach Europa, einfach, weil es mir hier so gut gefiel.

„Der blinde Bariton“ – ich nutze dieses Etikett nicht gern, denn ich will mich nicht vergleichen mit Leuten, die überhaupt nichts sehen. Manchmal bin ich völlig blind, aber oft kann ich noch große Dinge wie Tische oder Autos erkennen, aber keine Details, keine Konturen. Ich kann alleine nicht mehr laufen, ohne Computer kann ich keine Noten lernen, Notizen, Telefonnummern, alles muss von kleinen sprachgesteuerten Computern verwaltet und auf Nachfrage ausgespuckt werden.

Mein Auto – es war ein Porsche – musste ich natürlich verkaufen … aber es war nur ein Auto.

Man könnte mit dem Schicksal hadern, fragen: warum ich, womit habe ich das verdient, aber das wäre Blödsinn!

Ich habe meine Fehler gemacht und aus ihnen gelernt. Auf keinen Fall habe ich diesen Augenfehler verdient!

Aber man sagt: Gott gibt Dir nichts, was Du nicht tragen kannst.

Nach meinen Erfahrungen der letzten fast 20 Jahre bleiben nur 2 Dinge, die wirklich schlimm sind:

ich kann meine Familie nicht mehr sehen.

Mein Augenproblem fing an, als mein Neffe geboren wurde, er ist jetzt fast 1,90m und es ist schwer für mich, dass ich sein Gesicht nicht sehen kann, wie er ein junger Mann wird. Die Falten im Gesicht meiner Mutter. Nicht sehen zu können, wie sie langsam alt wird, tut weh.

Am schlimmsten überhaupt ist, dass ich mit Menschen keinen Augenkontakt mehr haben kann. Diese Momente, wo Du jemandem ins Augen blickst, nur mit einem kleinen Lächeln „Hallo“ sagst, der Augenblick, in dem der Funke überspringt… oder einfach in einem Cafe zu sitzen, und zu beobachten, wie die Menschen vorbeilaufen, das vermisse ich.

Nicht das Auto, einkaufen zu gehen, einen knackigen Po anzusehen – es sind die Momente, wo Du jemandem durchs Auge in die Seele blickst.

Aber es gibt auch Vorteile! Man liest überall, dass die anderen Sinne die fehlende Sehkraft kompensieren. Das ist weit untertrieben!

Ich gehe in ein Zimmer mit 10-15 Menschen und kann genau sagen, wer Probleme hat, wer letzte Nacht schlecht geschlafen hat, oder wer frisch verliebt ist.

Durch mein Augenproblem erlernte ich eine neue Art von Sehen.

Die Stimme ist der Ausdruck eines Menschen. Sie ist eingefärbt von Schmerz, Leidenschaft, Freude, Einsamkeit, und je mehr Energie und Leidenschaft man aus den eigenen Erfahrungen in die Stimme bringen kann, umso mehr Farbe und Ausdruck kann man als Sänger dem Publikum vermitteln.

Auf die Bühne gehen und ein Publikum berühren ist schon etwas Tolles. Ein Sänger zu sein, bezahlt zu werden um laut zu schreien über ein Orchester, das ist doch kein Job, das ist Spaß!

Das ist mein Leben.

Und deswegen, trotz des Augenfehlers: Jedes Mal, wenn ich auf die Bühne gehe, bin ich wirklich frei, unabhängig von irgendjemandem, … wirklich frei … und glücklich!

Douglas Yates

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